Millionenschäden durch zu viel Rotwild?

Die überhöhten Rotwildbestände im Forstamtsbereich Jossgrund (Main-Kinzig-Kreis) werden seit Jahren kontrovers diskutiert. Während HessenForst seine aktuellen Abschussvorgaben für angemessen hält, kritisieren Forstleute und Naturschützer im Spessart die Maßnahmen als völlig unzureichend. Nun hat eine erneute Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Hanau zu weiteren Ermittlungen geführt. Die Justizbehörde prüft, ob durch die Duldung großer Rotwildrudel dem Land Hessen Einbußen von 40 Millionen Euro entstanden sind. So sieht es jedenfalls der pensionierte Forstmann Endrik Sonneborn, der den Stein wieder ins Rollen gebracht hat.

Rotwildrudel: Endrik Sonneborn











Rotwildrudel im Jossgrund. Foto: Endrik Sonneborn  

Sonneborn hat Anzeige wegen Untreue gegen die Verantwortlichen des Forstamtes und des Landesbetriebs HessenForst erstattet. Die zuständigen Forstleute hätten über Jahrzehnte ihre Treuepflicht gegenüber dem Land verletzt, indem sie völlig überhöhte Rotwildbestände herangehegt hätten. Die Landesbetriebsleitung in Kassel habe dies zugelassen.
Forstverwaltung wird befragt

Foto : Gerd Bauer Laut Anzeige sei in der fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit des amtierenden Forstamtsleiters durch Verbiss und Schälschäden an nutzbarem Bäumen ein Wertverlust von rund 40 Millionen Euro entstanden. Die Staatsanwaltschaft Hanau lässt mittlerweile durch die Polizei die Beschuldigten befragen und den Sachverhalt ermitteln. Der erste Vorgang dieser Art in Hessen, der aber kein Einzelfall bleiben muss. Überhöhte Rotwildbestände gibt es ja auch andernorts im Staatswald.
Auf Grund des öffentlichen Drucks wurden in den letzten Jahren die Rotwildabschüsse im Forstamtsbereich Jossgrund erhöht. Dennoch können dort nach wie vor große Rudel mit bis 100 Tieren beobachtet werden.
Offenbar reicht das Personal von HessenForst für die Problembewältigung nicht aus. Aus der Presse ist zu erfahren, dass man nun auch einen „externen Dienstleister“ für den Abschuss engagieren will. (1)

Die Richtzahlen für Rotwild sind ein fernes Ziel

Das Forstamt Jossgrund bewirtschaftet 17 000 Hektar Spessart-Wald. Dort sollen nun laut aktuellem Plan im laufenden Jagdjahr 600 Stück Rotwild zur Strecke gebracht werden. Das wären dann rund 3,5 Tiere auf 100 Hektar. Im bayerischen Nachbarlandkreis Main-Spessart sind dagegen seit Jahren nur 0,9 Tiere pro 100 Hektar ausreichend, um den bayerischen Grundsatz „Wald vor Wild“ in die Tat umzusetzen.


JOSSGRUND_SCHALSCHADEN_MichaelKunkelBUND












Nahaufnahme Schälschaden: Michael Kunkel

Als oberes Limit einer waldverträglichen Rotwildpopulation gelten zwei Tiere auf 100 Hektar. Im Forstamt Jossgrund soll also fast das Doppelte der angestrebten Bestandszahl geschossen werden. Das macht deutlich, wie sehr die Situation aus dem Ruder gelaufen ist.

Der erbärmliche Zustand einzelner Waldareale im Jossgrund wurde bereits mehrfach dokumentiert. So stellte der Naturschützer Michael Kunkel 2015 einen profunden Fotobericht ins Netz. Der BUND kürte das Forstamt in seinem „Waldbericht 2016“ zu einem von zehn extremen Problemfällen bundesweit.

Endrik Sonneborn hatte bereits 2014 mit einer ersten  Anzeige auf die unhaltbare Situation aufmerksam gemacht. Doch die Staatsanwaltschaft legte damals die Abschusspläne des Forstamtes zugrunde, die ja alle erfüllt wurden. Mit dieser Begründung wurden dann die Ermittlungen eingestellt. Der Justiz war offenbar entgangen, dass die Vorgaben vom Forstamt selbst formuliert und daher sehr niedrig angesetzt wurden. Für Sonneborn steht fest, dass dies wider besseres Wissen geschah. Daher fordert er von den Ermittlern nun, dass der Sachverhalt mit der gebotenen „Tiefenschärfe“ aufgeklärt wird.

Ministerium räumt massive Schäden ein

Foto : Gerd Bauer Anfragen der Presse zu der erneuten Anzeige verwies HessenForst an das vorgesetzte Umweltministerium, das zumindest einräumt, das Jossgrund-Problem seit 2001 zu kennen. Allerdings habe Wild keinen juristischen Eigentümer, den man für Wertverluste haftbar machen könne. Schließlich ringt man sich zu der Feststellung durch, dass sich der Schaden durch Rotwild im Jossgrund  auf etwa 400 000 Euro im Jahr belaufe. Man habe den Rotwildbestand offensichtlich unterschätzt. Das Ministerium beteuert, seit 2006 auf die Beteiligten intensiv einzuwirken, um die Situation in den Spessartwäldern zu verbessern. Man wolle die Probleme gemeinsam lösen. Die Kündigung der Verantwortlichen stehe nicht zur Debatte. (1)
Falls die Staatsanwaltschaft Hanau demnächst strafrechtliche Konsequenzen zieht, wird sich zeigen, ob dieser Corpsgeist dann noch durchzuhalten ist.


05.06.2017 / M.Thionville  

(1) vgl. MAINPOST, Online-Ausgabe v. 31.05.2017